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Die Kathedrale des Justo Gallego

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Am Anfang war das Nichts. Dann schuf Justo Gallego die Kathedrale Nuestra Señora del Pilar.

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Justos Werk

Von Wolf Alexander Hanisch

In einem Vorort von Madrid baut ein Mann seit einem halben Jahrhundert eigenhändig eine Kathedrale. Sie wird wohl niemals fertig. Trotzdem kommen die Menschen in Scharen – um zu sehen, was Glaube erschaffen kann.

AUS DER ZEIT NR. 53/2016

Am Anfang ist Überforderung. Was wuchtet sich hier in die Höhe – eine Demonstration gegen den rechten Winkel? Alles an diesem Gebäude ist rund, organisch, fließend. Und auf eine so versponnene Weise unfertig, dass es an die Relikte eines Filmsets denken lässt, dessen Produzenten das Geld ausging. Die Ziegelwände sind nur zur Hälfte verputzt, aus den Türmen schrauben sich nackte Wendeltreppen in den Himmel, auf manchen der blauen Kuppelgerippe klappern Störche. Gleichzeitig spürt man: Hier ragt etwas Unerhörtes aus dem östlichen Speckgürtel von Madrid. Es ist die Kathedrale Nuestra Señora del Pilar, das Lebenswerk des heute 91-jährigen Justo Gallego Martínez. Seit einem halben Jahrhundert errichtet er sie. Allein.

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Im Innern wirken die Dimensionen noch gewaltiger. Die Wintersonne fällt durch das Metallskelett der Hauptkuppel von 22 Metern Durchmesser, die sich an nichts Geringerem als dem Petersdom orientiert. Staubkörnchen tanzen im Licht, es riecht nach Zement. Rohre liegen herum, Eisenstangen, Paletten, Kacheln. Es ist also wahr: In der Schlafstadt Mejorada del Campo verwittert kein gescheitertes Projekt, hier wächst tatsächlich eine Basilika empor – „Justos Kathedrale“, wie jeder hier im Ort sie nennt. Etwa drei Viertel des Baus sind fertig. In der Apsis hängen schon Heiligenbilder, in der Krypta dämmert Kirchengestühl unter Plastikplanen seinem Einsatz entgegen, in der Sakristei blicken die Büsten von Jesus und seinen Aposteln ins Ungefähre. Ihre Köpfe sind identisch, weil sie aus derselben Gussform stammen, und sie erinnern an den nicht sehr frommen Dude aus dem Film The Big Lebowski.

Je länger man herumstreift, desto irrwitziger erscheint, dass alles nur von zwei Händen aufeinandergeschichtet worden sein soll. Irgendwann gelangt man auf die Galerie und sieht unten im Kirchenschiff drei Kombis stehen, die so klein wie Tretautos wirken. Spätestens jetzt gibt man auf. Die Vorstellung ist zu groß, der Kopf zu klein.

Vom Haupteingang her klirren Hammerschläge. Dort steht Justo auf einem Berg von Bruchfliesen. Mit ihnen will er bald den Boden pflastern. Der Alte ist so dürr, als hätte man ihn aus Draht gezwirbelt, doch seine Bewegungen sind kraftvoll und harmonisch. Kaum zu glauben, dass er sich schon in der zehnten Dekade seines Lebens befindet – trotz des hageren, völlig entfleischt wirkenden Kopfes, der den Totenschädel nur mühsam verbirgt. Sollte Justo einmal heiliggesprochen werden, würde man ihn in der Kluft malen, die er jetzt und in jedem anderen Monat des Jahres trägt: blauer Arbeitskittel, weißes Hemd, roter Schal und rotes Mönchskäppi. Der Manierismus El Grecos wäre dann der passende Stil.

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Egal, wann man die Kirche besucht – Justo ist immer da. Aber alles andere als zugänglich. Im Winter taut er am ehesten an seiner Pausen-Feuertonne auf. Sie wandert mit ihm zu den Arbeitsstationen. Justos Stimme ist laut und bellend, man erschrickt ein wenig. Der Bauernsohn war Trappistenmönch, bis ihn 1959 der Vorschlaghammer des Schicksals traf: Eine Tuberkulose-Erkrankung führte zu seinem Ausschluss aus dem Kloster. Auch wenn es die Antibiotika in einem Madrider Krankenhaus waren, die ihn gesunden ließen – für Justo kam nur Gott selbst dafür infrage. Darum legte er das Gelübde ab, der spanischen Nationalheiligen eine Kathedrale zu bauen.

Mejorada war damals noch ein Dorf. „Im Jahr 1961 habe ich den Grundriss abgeschritten auf einem der Felder, die mir mein Vater vererbte. Einfach so, in Form eines Kreuzes“, erzählt Justo und rührt im Feuer. Dann fing er an – ohne Ahnung von Architektur, Maurerhandwerk oder Statik. Alles, was der damals 36-Jährige hatte, war etwas Geld aus dem Verkauf von Olivenhainen und Inspiration durch ein paar Bücher. „Jeder glaubte, ich würde bald wieder aufgeben. Einen Verrückten haben sie mich genannt, und die Kinder warfen Steine nach mir. Heute sind diese Kinder Großeltern. Und ich baue immer noch!“

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Nach großen Reden verlangt er nicht. Wer mit Justo sprechen will, muss ihn dafür bezahlen. Sonst erntet er nur ein jähes Hin und Her seines Zeigefingers – die absolute Verneinung. „Sermone habe ich geredet, immer und immer wieder das Gleiche, und dann verstehen sie doch nicht, dass es hier um Gott geht und nicht um mich“, schimpft Justo über die Besucher, die von ihm erduldet werden wie eine unvermeidliche Plage. Ein ums andere Mal verweist er stumm auf eine Wand mit verblassten Presseartikeln und besonders nachdrücklich auf die Spendenbox am Seiteneingang. Justo braucht das Geld dringend. Bald will er die große Kuppel mit teuren Zinkplatten decken.

Alles ist angefangen, nichts fertig

Beim Stromern über die 8.000 Quadratmeter große Baustelle mit Sakristei, Taufkapelle, Kreuzgang und mehreren Sälen stößt man in mancher Ecke auf alte Autoreifen oder abgeschlagene Bordsteinkanten. Was hat der profane Krempel hier zu suchen? Die Antwort: So ziemlich alles. Denn Justo ist ein Meister des Recyclings. Sein Erbe war nach wenigen Jahren verbaut, seitdem nutzt er ganz Madrid als Rohstoffquelle. Holt sich Ausschussware von Baustellen oder bekommt sie umsonst geliefert.

In dieser Hinsicht ist Justo ein moderner Kirchenbauer. Mochten seine Vorgänger mit Gold und Marmor prunken. Er nimmt ausrangierte Reifen für die Konstruktion romanischer Bögen, Regenrinnen zur Verschalung von Geländern, Ölfässer und Blechbüchsen, um Säulen hochzuziehen. Die Mauern bestehen aus Ziegelschutt, die Steine sind mal längs, mal quer, mal bröckchenweise eingesetzt. Das Ergebnis wirkt darum kolossal und zerbrechlich zugleich.

Am nächsten Morgen ist es bitterkalt in der Kirche. Justo und Ángel haben sich die Schals bis unter die Nasen gebunden. Ángel López ist ein so gottesfürchtiger wie leutseliger Maurer, der Justo zwei Jahrzehnte lang sporadisch zur Hand ging. Seit der ihm ein Gehalt bezahlt, arbeitet Ángel täglich auf der Baustelle. Mauert und schleppt, organisiert Spenden, besorgt Material und bringt das bisschen Essen, das der Vegetarier Justo zu sich nimmt. Wer den ernsten und stangendünnen Bauherrn, dessen einziger Luxus aus Milchkaffee und Marzipan besteht, neben dem stämmig-kleinen, ständig zu Scherzen aufgelegten Ángel sieht, kann nicht anders, als an Don Quijote und Sancho Pansa zu denken. Hinter der Sakristei kleben die beiden gerade farbiges Granulat in den liturgischen Farben Rot, Gelb, Blau und Weiß auf Glasscheiben für die Fensterlöcher. Sie wirken dabei wie in ihr Spiel versunkene Kinder.

Sein größter Wunsch sei die Fertigstellung der Kathedrale, sagt Justo. Aber stimmt das? Wer ihn beobachtet, ertappt ihn ständig bei einer anderen Verrichtung. Er werkelt so unsystematisch, dass man fast ein System dahinter vermutet. Allein die schiefe Freitreppe hat er mehrfach hintereinander mit unterschiedlichen Farben gestrichen, trotz einer heftigen Gürtelrose, die ihn seit Jahren quält. Die kinderzimmerbunten Darstellungen der Kirchengeschichte aus der Hand eines Amateurs will er auch übermalen. Alles ist angefangen, nichts fertig. „Der Weg entsteht beim Gehen“, predigt er, und man hat den Eindruck, als sei genau das sein Ding: ein möglichst verschlungener Weg, der nirgendwo endet.

Mein Glaube ist groß, und ein großer Glaube verlangt nach großen Taten
Ist Justo also ein spanischer Sisyphos? Der Dokumentarfilm The Cathedral and the Madman aus dem Jahr 2009 legt eine andere Deutung nahe. Dort tritt ein Mönch seines ehemaligen Klosters auf. Er sagt: „Justo hat immer härter gearbeitet und heftiger gefastet als die anderen. Er wurde irgendwann zu radikal für unsere Gemeinschaft.“ Und so stimmten die Brüder schließlich nicht wegen der Tuberkulose gegen seine Neuaufnahme nach der Genesung, sondern aufgrund einer allzu verbissenen Büßerpraxis. Als der Regisseur ihn darauf anspricht, antwortet Justo: „Ich habe hier genauso viel Buße getan, wie ich es im Kloster hätte tun können – sogar noch viel mehr.“ Wer verstehen will, was ihn antreibt, kommt um diese Antwort nicht herum: Mit seinem Kirchenbau tut er Buße, nimmt Teil am Leiden Christi, der sich für die Erbsünde des Menschen opferte.

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Solche Akte finden Bewunderung, auch in einer abgeklärten Zeit. Das New Yorker Museum of Modern Art präsentierte Justo 2003 in Abwesenheit als Teil einer Gruppenausstellung. Zwei Jahre später spielte er die Hauptrolle in einem Werbespot für einen Energydrink, der ihn als Mentalitätsmonster inszenierte und landesweit berühmt machte. Vor seiner Tür sieht es anders aus. Die Stadtverwaltung ist überfordert mit einer Mission von diesem Ausmaß.

„Eigentlich existiert die Kathedrale gar nicht“, sagt Mejoradas Bürgermeister Jorge Capa, ein nervöser junger Mann mit Igelschnitt. Er sitzt in seinem fahnengeschmückten Büro voller Furniermöbel im Klinkerblock des Rathauses. „Das Gebäude wurde nie genehmigt, es besteht aus Schrott, und keiner weiß, nach welchen Plänen es errichtet wurde. Wie wollen Sie das legalisieren?“ Aus Sicherheitsgründen habe man Justo bereits angewiesen, den Aufgang zur Kuppel für Besucher zu sperren. Im Grunde müsste man ihm eher heute als morgen den Abrissbescheid schicken, meint Capa, der jährlich immerhin 5.000 Euro Steuern von Justo einzieht. „Aber das käme seinem Todesurteil gleich.“

Auch die Diözese, erfahrener mit Wundern, steht vor einem Dilemma. Justo hat sie vor mehr als 40 Jahren als Erben bestimmt. Doch was wird aus der Kathedrale, wenn es vor ihrer Vollendung mit dem Erbauer zu Ende geht? Der zuständige Bischof schweigt. Aber wie man hört, wird über die Gründung einer Stiftung diskutiert.

Der Furor eines Weltallergikers

In gewisser Weise ist Justo Gallego Martínez noch viel älter als 91. Der bedingungslose Glaube, der ihn antreibt, gehört in eine längst untergegangene Epoche. Und das, was er hervorbringt, kann sich nicht entfalten im 21. Jahrhundert. Es ist wohl die Bestimmung dieses Bauwerks, als Ruine zu überdauern. Denn mehr als alles andere ist sie ein Monument, das von der Opferbereitschaft des Menschen und der Kraft des Religiösen erzählt. Zum Ausdruck kommt beides durch all das Unfertige, Unzulängliche, Improvisierte, dem die Strapazen anzumerken sind. Darin wurzelt die Größe der Kathedrale, nicht in ihrem späteren Gebrauchswert. Und so wie Justos Leben ohne die Kirche keinen Sinn besitzt, steht umgekehrt die Kirche ohne seine Inbrunst unter dringendem Kitschverdacht.

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Am ehesten wird diese Dialektik von jenen in Mejorada verstanden, die in Justos Projekt eine Inspiration sehen. „Es zeigt, dass der Glaube Berge versetzen kann. Immer wenn ich verzage, gehe ich vorbei, erkenne ein paar Fortschritte und fasse wieder Mut“, sagt Rocío, die in einem Restaurant bedient. Sie mag diese Unfertigkeit.

Andere sehnen sich nach der Vollendung. Es sind Justos treueste Fans, die an der Schleppe von Legenden mitweben, die er mittlerweile hinter sich herzieht. So soll er einmal aus 35 Metern abgestürzt und unversehrt geblieben sein – die Hand Gottes habe ihn aufgefangen. Ausgerechnet die Trainingshosenmänner, die in den Bars der Fußgängerzone schon morgens Schnaps bestellen, maulen dagegen über einen Schandfleck, der die Stadt so schamlos überrage.

Tatsächlich wirkt die offizielle Kirche Mejoradas mickrig gegen Justos Bau. Ihr farbloses Inneres dient dem jungen Pfarrer als Begegnungsort für flüsternde Gespräche mit seiner Gemeinde. In einer der Bankreihen stellt er sich unter seinem Spitznamen vor: Curry. Die knallengen schwarzen Klamotten lassen ihn nicht nur aussehen wie einen Rocksänger – er ist auch einer. La Voz del Desierto heißt seine Band, die fast nur aus Priestern besteht. Nach der Sonntagsmesse läsen er und Justo gemeinsam in der Bibel, erzählt er. Man braucht einige Zeit, bis sich das Bild im Kopf einstellen will. Dabei sind die beiden einander ähnlicher, als es auf den ersten Blick scheint. „Für Statiker ist es eine Laune der Physik, dass die Kathedrale noch nicht zusammengebrochen ist“, sagt Curry. „Aber ich bin sicher, dass sie unter Gottes Schutz steht. Haben Sie die Krypta gesehen und die Lieferwagen, die auf ihr parken? Justo ist ein Instrument Gottes, da gibt es gar keinen Zweifel.“

Für Justo steht das sowieso fest, wie alles in seinem Leben. Am späten Nachmittag wärmt er sich auf in seinem garagenhaften Zimmer neben der Sakristei, wo er seit Jahren schläft. Die Glut in der Feuertonne atmet wie ein Tier. Er reibt sich die Augen und legt dann seine Stirn in beide Hände. Man meint jetzt in ihm den Märtyrer zu erkennen. Aber der Zustand währt nur kurz. Einen Augenblick später leuchtet er wieder geradezu vor Energie. Sie wirkt fast gespenstisch.

Fragen zum Kirchenbau ignoriert er und spricht lieber von dem, was ihn bis in die Fingerspitzen ausfüllt: der Katholizismus als einzige Hoffnung der Menschheit. Aber was heißt sprechen: Aus ihm bricht der Furor eines Weltallergikers, der die Moderne rundheraus ablehnt. Mit dem spirituellen Sirup heutiger Wellnessreligionen hat Justo nichts im Sinn. Er verabreicht stärksten mittelalterlichen Tobak. Der Körper? Ein sündiges Werkzeug des Teufels! Protestanten? Kandidaten für die Hölle! Madrid bei Nacht? Ein sittenloses Schlangennest! Als er fertig ist, bohrt sein Blick noch ein paar Sekunden nach. „Hast du das verstanden?“, will er wissen. Dann schüttelt er den Kopf und sagt zu sich selbst: „Gar nichts hat er verstanden.“

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¡Adiós! Café Comercial

© michaelhoefig.de-5_Snapseed

¿Como nos enteramos de la crisis? Viendo políticos en la tele haciendo discursos, poniendo caras importantes; viendo otros o los mismos politicos entrando en la corte, acompañados por una manada de abogados y rodeados por otra manada de periodistas; tal vez viendo de vez en cuando una manifestación de algunas cientas de personas gritando su desesperación al aire. No nos enteramos de la crisis. No vemos las angustias de un padre al regresar a casa explicando a su familia que acaba de haber perdido su puesto, no vemos las casas de las familias pobres en los suburbios llenas de niños y ancianos durmiendo en un solo cuarto, tal vez de vez en cuando vemos a una señora devolviendo un pedazo de mantequilla en la caja del supermercado por que el dinero no le basta…

Normalmente no nos enteramos de la crisis. Cuando queremos tomar el café de la mañana en nuestro rincón preferido, y la puerta esta cerrada, si nos enteramos de la crisis.

En la rotonda de Bilbao en Madrid, el día 27 de julio al mediodía: los camareros del Café Comercial – ya sin uniforme – expresando sus emociones a la prensa.

Berlunes

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Heimat oder zu Hause?

Heute lernte ich ein persisches Sprichwort kennen, welches besagt, dass Heimat dort sei, wo man seinen Namen nicht buchstabieren müsse! „Heimat ist dort, wo man deine Sprache spricht“ wäre wohl die deutsche Entsprechung.  Am Abend dann fiel mir ein bemerkenswert schöner Text dreier sogenannter „Third-Culture-Kids“ ins Auge, den ich – obwohl allein deutsches „Third-Culture-Kid“ – sehr gut nachvollziehen kann… Die im Artikel einfühlsam beschriebenen Entfremdungsprozesse aufgrund bi-kultureller Herkunft sind eine zeittypische Variante gesellschaftlichen Wandels. Um das Phänomen der Entwurzelung als Paradigma dieser globalisierten Welt umfassend zu beschreiben, müssen aber sicherlich auch noch weitere Migrationsgeschichten erzählt werden! So müssen beispielsweise auch professionelle Migranten lernen, sich überall ein zu Hause einzurichten, wobei Heimat gleichzeitig als permanente Variable und als Korrektiv empfunden werden kann, dies ist der Spannungsbogen zwischen Ver- und Entwurzelung, den es – manchmal an der Grenze zur Absurdität – auszuhalten gilt.

>> Migranten: Unsere Eltern sind Ausländer, wir nicht / zeit.de

Rocío Plúas: Integración

GOOOL! Der Film.

Angela oder Paul? Wer ist für den Aufschwung der deutschen Sprache in Spanien verantwortlich?

Ganz Spanien spricht vom sogenannten „Merkel-Effekt“, und der Mythos besagt, dass die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel bei ihrem Besuch des spanischen Präsidenten im Februar 2011 eine Äußerung gemacht haben soll, nach der sie Tausende von Arbeitsplätzen für spanische Ingenieure versprochen habe. So wurde es jedenfalls von der spanischen Presse freudig verbreitet.
Was nur wenige wissen, ist, dass an besagtem 1. Februar ein Mitarbeiter des Goethe-Instituts Madrid mit dem deutschen Honorarkonsul in dessen Büro in Sta. Cruz de Tenerife saß und mit ihm und seinen Partnern die Werbetour GOOOL! – Das Tor nach Deutschland plante, in welcher ein Fußball durch die Kanaren und anschließend ganz Spanien reisen sollte, um für die deutsche Sprache zu werben. Die Tour wurde ein riesiger Erfolg, nachdem sich Tausende von Schülern und Studenten daran beteiligt hatten.

Seither streiten sich die Geister, wer für den Deutsch-Boom in Spanien tatsächlich verantwortlich ist!

Leider können wir unseren ständigen Tourbegleiter, El Fantasma del Pulpo Paul, nicht mehr fragen,- sein Orakel hätte uns Klarheit verschaffen können. Paul ist inzwischen aber wieder auf seine Wolke zurückgekehrt, von der er hilflos mit ansehen muss, wie seine diversen Nachfolger beim Tippen von Ergebnissen der Fußballeuropameisterschaft 2012 scheitern. Wie populär ein deutscher Fußball in Spanien sein kann, zeigt hingegen der Film >>

Vom 24. März bis 24. November 2011 tourte ein Ball mit einer Torwand durch Spanien, besuchte dabei Schulen & Universitäten und war auf Hauptplätzen einiger Städte präsent, um mit dem Auto, auf dem Schiff, auf dem Surfbrett, zu Fuß oder auf dem Roller für Deutschland und die deutsche Sprache zu werben. Ein Projekt des Goethe-Institut Madrid. Projektleitung: Michael Höfig.

Jogi hat sich verzockt oder die überirdischen Gründe einer Niederlage

Nun ist es spätestens seit El Padrino quasi Allgemeingut, dass Italiener die besseren Zocker seien. Und auch die italienische Mannschaft läuft ja regelmässig dann zu Höchstform auf, wenn ihr Fussballsystem von einem veritablen Korruptionsskandal gebeutelt wird. Zuletzt wurde sie – als Spielverderber des Sommermärchens – 2006 in einer vergleichbaren Situation Weltmeister. Es gibt also übergeordnete Zusammenhänge im Fussball, die es zu beachten gilt. Nicht umsonst ist „Magier“ Jogi Löw, noch bevor er sich ans Zocken bei der Mannschaftsaufstellung machte, ja auch der Versuchung unterlegen, sich als Weissager profilieren zu wollen beziehungsweise sich in einer vergleichbaren Pose ablichten zu lassen. Wer den Schaden hat…

Doch bevor wir weiter in esoterischen Zusammenhängen forschen, sollten wir die irdischen Fakten beleuchten:

Den besten Gedanken für eine profane Deutung des deutschen Debakels im Halbfinale von Warschau lieferte ausgerechnet der sehr erdverbundene Miroslav „Air“ Klose: Auf die Frage eines Journalisten, ob der Korruptionsskandal der italienischen Mannschaft schaden könne, hatte er sinngemäss geantwortet, dass die Deutschen eher diejenigen seien, die immer der Obrigkeit vertrauten, während die familienverbundenen Italiener in einer solchen Situation als Mannschaft eher zusammenrücken würden. Damit hat er indirekt die Dynamik angesprochen, die es in einem solchen Turnier gibt: Die letztlich erfolgreiche Mannschaft wächst zusammen. Deutschland hatte aufgrund dieser Charakteristik bis heute den Ruf, eine Turniermannschaft zu sein, sogar in Zeiten der Rumpelfussballer konnten sie, mit diversen Sekundärtugenden ausgestattet, fehlende fussballerische Klasse kompensieren. Bis der Prozess des Teambuildings (der ersten 11) abgeschlossen ist, sind Wechsel erlaubt, aber spätestens im Halbfinale eines solchen Turniers wird die Luft so dünn, dass man sich keine Fehler mehr erlauben darf. Dieser Prozess schien mit dem Viertelfinalspiel gegen Griechenland abgeschlossen zu sein. Die jungen kreativen Wilden Reus und Schürrle durften auf den Aussenpositionen den technisch versierten Tempofussball bieten, für den Löws Multi-Kulti-Truppe in den vergangenen zwei Jahren stand. „Die eigenen Stärken in den Vordergrund stellen“ und „sich nicht das Spiel des Gegners aufzwingen lassen“, lautete die Devise, die nach ordentlichem, aber vergleichbar mit den Möglichkeiten dieser Mannschaft doch eher durchwachsenem Beginn und mit eher statisch agierenden Spielern wie Podolski und Gomez korrigiert wurde. Nach dem Dänemarkspiel war der Gedanke kursiert, dass eine Hereinnahme von Klose, Reus und Co. der deutschen Mannschaft wieder zu dem Spiel zurück verhelfen würde, das ihr so grossen Respekt in der Rundlederwelt eingebracht hatte. Löw hatte gelernt. Hatte er?

Und führe mich nicht in Versuchung

Jogi verriet, als er der Versuchung erlag, seine eigenen Prinzipien. Hatte er urplötzlich Angst vor der eigenen Courage bekommen, so kurz vor dem Ziel? Oder war es die Eitelkeit eines sich mittlerweile unfehlbar wähnenden Magiers, der glaubte, sein Personal beliebig auswechseln zu können? Oder war es nur klassischer Fall von „Übercoaching“? 2006 war der Unterschied zwischen Sieg und Niederlage geringer als diesmal. Die italienische Mannschaft spielte taktisch clever und technisch versiert wie immer, während der deutschen Mannschaft mit einem Tag Pause weniger noch die Verlängerung gegen Argentinien in den Knochen steckte. Am Schluss fehlte das berühmte Prozent, als ein tödlicher Pass von Pirlo in die Schnittstelle der Abwehr verhinderte, dass sich die auf dem Zahnfleisch laufende deutsche Mannschaft ins Elfmeterschiessen würde retten können. Sechs Jahre später bei der vermeintlichen Revanche wirkte die deutsche Mannschaft seltsam verunsichert. Hatte man sich zu sehr mit dem Maulwurf im Trainingscamp beschäftigt, anstelle die eigenen Stärken zu betonen? Als ich die Mannschaftsaufstellung sah, ahnte ich, das wird heute nichts. Als ich die Italiener beim Singen der Nationalhymne sah, bekam ich die Bestätigung geliefert. Der Rest war Formsache.

Trotzdem wäre es natürlich übertrieben, den Bundestrainer jetzt in typisch deutscher Aufgeregtheit aus dem La(e)nd(le) jagen zu wollen. Er hat nach einer grossen Entwicklungsleistung in Sachen Qualität des deutschen Fussballs bei einem Turnier einen etwas zu grossen Fehler begangen, um auf diesem Niveau erfolgreich zu sein. Er mag sich damit trösten, dass grössere Zusammenhänge dennoch eine Rolle spielen, auch wenn ihm die Lust, sich als Magier betätigen zu wollen, für die Zukunft vergangen sein dürfte:

Beweis gefällig? Deutsche Fussballsiege bei grossen Turnieren sind bisher immer von wichtigen politischen Ereignissen begleitet worden:

– Das Wunder von Bern 1954: „Wir sind wieder wer…“
– WM-Sieg 1974 in Deutschland: Rücktritt Willy Brandt’s, der den Anfang vom Ende der sozialliberalen Koalition darstellte, die dann zeitverzögert 1982 ihren Geist aufgab und von der so genannten „geistig moralischen Wende“ (in Fussballsprache übersetzt heisst das: „die Zeit der Rumpelfussballer“) abgelöst wurde.
– Weltmeister bei Italia 90: Wiedervereinigung („Wir sind wieder wer, part II“)

Die alles entscheidende Frage lautet nun: Was wäre geschehen, wenn sich Angie Merkel parallel zum Halbfinale auf dem €-Rettungsgipfel gegen Monti und Rajoy durchgesetzt hätte? Würden dann auch Italien und Spanien im Finale stehen? Das weiss nur: El Fantasma del Pulpo Paul…

Lissabon – Stadt des Fado, der Saudade und der Toleranz

Eine Fotogeschichte.

Es ist eine besondere Atmosphäre, die diese Stadt prägt. Ich weiß nicht, ob ich sie mit dem Klischee beladenen Begriff „Saudade“ beschreiben würde. Eher freundlich, voller offensichtlicher, aber auch viel verborgener Schönheit und Charakter. Für einen Fotografen eine Fundgrube schönster und zum Teil anachronistischer Details.

Und doch spielt die melancholische Ausdrucksform des Fado natürlich eine Rolle, will man dem Charakter der Stadt auf die Spur kommen. In der Tasca do Jaime in der Rua da Graça singen Freunde, Familie und Nachbarn, noch ohne von Touristengruppen dabei gestört zu werden.

Die Schönheit der Stadt und ihrer Menschen wird auch in diesem hingebungsvollen Gesang widergespiegelt, der mitnichten immer traurig sein muss. „Saudade“ – ein Lebensgefühl? Eine gängige Definition spricht von der Kombination von Verlust und tiefer Trauer – so muss es gewesen sein, nachdem Portugal sein Heimspiel im Finale der Europameisterschaft 2004 gegen Griechenland verloren hatte. Aber herrschte nicht auch in Bayern vor kurzem kollektive Saudade, nachdem die Fußballer des FC Chelsea bewiesen hatten, dass Engländer in Ausnahmefällen doch Elfmeter schießen können? Einfacher wird es, wenn wir Saudade schlicht mit „tiefer Sehnsucht“ umschreiben.

Wo Schönheit herrscht, existiert auch die Kehrseite. Diese Feststellung ist zwar banal, in Lissabon wird sie dem Besucher auf seinem Stadtrundgang dennoch permanent vor Augen geführt. Romantische Stadtansichten sind für das touristische Auge eine legitime Perspektive, eine unausweichliche sind Bilder der Armut in einem von der Wirtschaftskrise gebeutelten Land.

A Ginjinha …

Den Unterschied zwischen morbidem Charme und touristisch aufgesetztem Anachronismus erkennt man am besten bei einer Fahrt mit dem traditionellen „Elevador“.

¡Que vivan los toros!

Der heutige Tag ist ein historischer Tag in Spanien. In Katalonien fand die letzte Corrida statt
(Ausdruck politischen Unabhängigkeitsgefühls einer parlamentarischen Mehrheit).
Anschliessend schlossen sich die Tore der Stierkampfarena Barcelonas für immer.
Die Verfechter des Stierkampfes gingen auf die Barrikaden und skandierten: „Que vivan los toros!“
(„Es leben die Stiere“ – gemeint war der Stierkampf). Welche Freud´sche Fehlleistung:
Es leben einige Stiere jetzt länger …

Las Ventas / Madrid – Foto: Michael Höfig.

Herr B. oder die Rettung des Gallischen Dorfes


„uns kommt nur die Komödie bei“
Friedrich Dürrenmatt




I.

Lehrer A., als sogenannte „Auslandsdienstlehrkraft“ an einen dieser exotischen Orte in einer so genannten Bananenrepublik „entsandt“, konnte mal wieder nicht einschlafen. Der Grund war nicht etwa latentes Heimweh, sondern – im Gegensatz zu den Genüssen der unerreichbar entfernt scheinenden Heimat – in der unmittelbar unerträglichen Nähe in Person eines klassischen Latino-Machos auszumachen: Der Nachbar feierte mal wieder eine seiner Salsa-Fiestas bis zum Hahnenschrei. „Dem werde ich’s zeigen!“ sagte sich A., nach monatelangem Martyrium mit der Geduld am Ende, und holte am darauf folgenden Montag, frühmorgens um fünf, seine Trompete aus dem Schrank. Nach dem Abspielen der Deutschen Nationalhymne intonierte er in Anwendung seines europäischen Bewusstseins auch noch die Marseillaise, zwar nur in der Beatles-Version, dafür aber mit einem enthusiastischen „love-love-liebevollen“ Crescendo. Dann legte er sich, zufrieden ob des gelungenen Überraschungscoups, wieder zum frühmorgendlichen Tiefschlaf nieder, wohl wissend, dass er an diesem Tage erst zur dritten Stunde einen Lückentext zu beaufsichtigen hatte. Wie überrascht war er dann, als in aller Herrgottsfrühe das Telefon klingelte und der Nachbar ihm mit ehrlich enthusiastischer Stimme zu dem herrlichen Konzerte gratulierte und ihn einlud, dieses auf einer seiner nächsten Fiestas vor Publikum zu wiederholen …

Land des Feuers oder die Entmythologisierung des Südens


„Sie war in diesem Boden nicht verankert. Sie lebte grundlos an der Oberfläche. Ein Wind genügte. Sie war weniger als ein Strohhalm.“

aus: Arnold Stadler, Feuerland. Salzburg und Wien 1992, S. 148
Es heißt, die Mexikaner stammen von den Mayas ab, die Peruaner von den Inkas: Vor tausenden von Jahren über die Behringstraße in den südamerikanischen Busch gewandert. Die Argentinier entstammen den Schiffen…

„Mit dem nächst möglichen Schiff wurdest du aufs Meer hinaus geschafft. Eines Morgens (ich übergehe, dass du unterwegs in Seenot warst) erwachtest du im Hafen von Buenos Aires. Du lerntest Spanisch. Die ersten Worte konntest du schon in Russland. Nach drei Wochen hat man dir eine Gegend auf der Karte gezeigt, die du bis dahin nicht einmal dem Namen nach gekannt hattest. Dahin bist du gefahren, um dort den Rest deines Lebens zu verbringen. Einverstanden? Die Schafe beißen nicht, die Gauchos sprechen nicht; und es ist heiß und kalt, alles fast wie zu Hause.“

aus: Feuerland, S. 58

Und dies nicht nur in Patagonien. Als ich Arnold Stadlers Büchnerpreis gekröntes Werk zum ersten Mal las, dachte ich: Alles fast wie in Misiones, Eldorado. Dort gibt es eine Deutsche Schule. Die Hindenburgschule. Einer jener anachronistisch anmutenden Orte, von denen es am südlichen Ende der Welt mehr gibt, als in jeder anderen Gegend auf unserem Globus. Ihr Name irritiert. Nichts vom alten Reichsadler. Als die Schule gegründet wurde, überwies der damalige Reichskanzler Hindenburg eine kleine Spende. Grund genug, die Schule nach seinem Namen zu benennen. Ich stieß auf die Hindenburgschule, weil ich dort im Dreiländereck im Norden Argentiniens zwischen Brasilien und Paraguay Prüfungen zum deutschen Sprachdiplom der KMK abnehmen sollte. Das subtropische Eldorado, Synonym für Träume und Alpträume, Hoffnungen und Enttäuschungen, ist die Heimat vieler deutscher Einwanderer. Im benachbarten Montecarlo wird man im Bäckerladen mit „Grüß Gott“ begrüßt.

„Grüss Gott! — Vom ganzen Wilhelminischen Seeimperium blieb einzig das kleine Grüss Gott!“

aus: Feuerland, S. 37

Heute leidet diese Region an nahezu unüberwindbaren wirtschaftlichen Problemen. Die Arbeitslosigkeit liegt bei über 50%, die Jugendlichen verlassen ihre Heimat in Scharen, diejenigen, die noch ein Anrecht auf einen europäischen Pass haben, gehen in das Land ihrer Vorväter zurück.

Mit meinen Schülern von der Pestalozzi-Schule in Buenos Aires besuchte ich Eldorado. Argentinische Landeskunde mit deutschen Immigranten. Dabei sind Reportagen entstanden wie „Ich glaube es gab in Eldorado keine Frau, die nicht geweint hat“,- „starke Frauen der Kolonie“ oder „Ureinwohner am Rande der Straße“

Ich glaube es gab in Eldorado keine Frau die nicht geweint hat. Es war einfach zu schwer. Und der Himmel ist grau. Die Stunde geht weiter. Auf dem Sofa war es prima. Die Stimme ändert sich noch mal. Es ist wie eine Geschichte, die die Großmutter immer wieder erzählt. Ganz interessant. Mein Kassettenrecorder. Das rote Licht. Er funktioniert. Die Stimme ganz leise. Es regnet weiter. Es wird nie aufhören.“ (Lucia Alfonso. 11. Klasse Pestalozzi-Schule)

Die Pestalozzi-Schule wurde 1934 im Stadtteil Belgrano gegründet. Ihr Grundgedanke war es, ihren Schülern ein Ort freier, demokratischer, konfessionell ungebundener Erziehung und humanistisch orientierter Bildung zu sein, eine Pädagogik, der sich die Schule auch heute noch verpflichtet fühlt. Die Bedeutung der Schule als Asyl und neue Heimat für Flüchtlinge vor dem Nazi-Regime und ihre konsequente Haltung im antifaschistischen Widerstand machten die Pestalozzi-Schule in dieser Zeit weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Die Glückwünsche von Albert Einstein und Sigmund Freud zur Gründung der Schule sind bleibende Zeitdokumente.

Im September 1936 besuchte Stefan Zweig während eines Aufenthalts in Buenos Aires die Schule in Belgrano. Am Ende seiner berühmten Schallplatten-Rede sprach er zu den Schülern die Sätze: „Freut Euch darum, dass Ihr so jung seid, und liebt die Schule, die Euch ins Leben führt, liebt das Leben selbst und liebt Euch, einer den anderen.“ Heute ist die Pestalozzi-Schule eine der angesehensten Privatschulen in Argentinien.

Am 4. Mai 2001 besucht Arnold Stadler die Pestalozzi-Schule. Mit den Schülern der inzwischen dritten Generation spricht er über die Begriffe „Heimat“ und „Fernweh“. Und die „Portenos“, wie die Bewohner von Buenos Aires genannt werden, viele von ihnen die Enkel von Großeltern, die Deutschland nicht freiwillig verlassen hatten, lesen und hören von Auswandererschicksalen einer auch für sie gänzlich anderen Welt, der Welt des Südens, 3000 km von der Hauptstadt entfernt.

„Auswanderer! Dein Bild ist blass geworden. Dein Blut versickert nun anderswo. Dein Blut. Aber auch als Du noch mitten unter uns warst, haben wir nur aus Verlegenheit hinter Dir hergewinkt und hergeweint. Wir wussten nicht, was wir Dir zum Abschied sagen sollten. Der Chor sang Nun ade, du mein lieb Heimatland und blieb zurück. Der Auswanderer blieb fort.“

aus: Feuerland, S. 13

Nach der Lesung aus „Feuerland“ sagt Stadler: „Dies war die schlimmste Lesung in meinem Leben“. Walser wird zitiert: In Schulen und Gefängnissen sollte man keine Lesungen abhalten.

Was war passiert?

Die Nachkommen der Immigranten sind zwar Deutsch(als Fremdsprache)–Lerner, sind aber keine Deutsch-Leser. Verzweifelt las der Autor gegen achtzig zumeist passiv dasitzende argentinische Schüler an, die sich das Dargebotene freundlich anhörten, – ihre Lebenswelt erreichte der Text indes nicht mehr. Ein Problem, dem sich auch der Deutschlehrer täglich stellen muss. Die Enkel der Immigranten sind uns fremd geworden.

„- Grenze, dazu konnte ich mir meine Grenzen denken. Ich hatte ja gleich mehrere Grenzen zur Verfügung.“

aus: Feuerland, S. 12

Einige Tage zuvor: Auf dem argentinischen Deutschlehrerkongress und auf der internationalen Buchmesse von Buenos Aires erfährt das auf der baden-württembergischen Akademie Comburg erprobte Modell „Lehrer im Gespräch mit Schriftstellern“ seine Landesuraufführung. Egon Gramer weist in das Werk Stadlers ein, Bezüge zu Bruce Chatwin werden mit argentinischen Deutschlehrern und einigen DAAD-Lektoren erörtert.

„Ich erzählte ihm, dass meine Onkel Nueva Alemania gegründet hatten, nach dem Ersten Krieg in Pico Grande umgetauft. Ich erzählte von Wilson und Evans, den Banditen, damals in ganz Amerika gesucht und wenig später auf unserem Grundstück begraben. Das Grab habe ich ihm freilich nicht gezeigt. Chatwin hat einfach die Stelle photographiert, wo ich meinen Lieblingshund bestattete! Und das Bild kam als Banditengrab in sein Buch. Bueno, sagte ich.“

aus: Feuerland, S. 120

Literarische Spurensuche im Süden. Jeder spinnt sich seine eigene Pico-Grande-Welt zurecht. Chatwin kann Stadlers Vorwurf der literarischen Hochstapelei nicht mehr begegnen. Sein Werk ist trotzdem ein Klassiker der Reiseliteratur geworden.

„Niemand würde auf den Gedanken kommen, eine Atombombe auf Patagonien abzuwerfen, sagte er.“ aus: Bruce Chatwin, In Patagonien. Rowohlt TB S. 90

„Lehrer im Gespräch mit Schriftstellern“. Ein Konzept, welches dann auch für Schüler lebendig werden kann, wenn die Zusammenhänge anschließend vor Ort durch handlungsorientierte Unterrichtskonzepte vermittelt werden. Ausgerüstet mit dem Sudelbuch wollten wir mit den Pestalozzi-Schülern dieser Tage wieder nach Misiones fahren. Und Arnold Stadler anschließend einen Brief schreiben: „Danke für die schwerste Lesung Ihres Lebens.“ Die literarische Reise fiel der argentinischen Wirtschaftskrise zum Opfer. Auch eine Art Entmythologisierung.

„Y esas ganas tremendas de llorar

que a veces nos inundan sin razón,

y el trago de licor que obliga a recordar

si el alma está en orsai,

che, bandoneon.“

Tangotext *) von Homero Manzi

*) und diese riesige Lust zu weinen, die uns manchmal grundlos das Herz ertränkt,

und der Schnaps der zur Erinnerung zwingt, ob die Seele im Abseits steht.

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veröffentlichte Version: „Über literarische – und Lebenswelten im Land, wo der Süden endet“, in: Jahrbuch des Auslandsschulwesens 2001, Zentralstelle für das Auslandsschulwesen (Hrsg.), Köln. Universum Verlagsanstalt GmbH KG, Taunusstrasse 54, D-65183 Wiesbaden

16. januar

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BallackObama’s Notizblo(g)ck

... früher schrieb man sich seine notizen auf einen schreibblock, und indessen droben harmlos das gestirn wandelte, wurde das „ck“ am ende durch ein fortschrittliches „g“ ersetzt. Zum fortschritt gehört auch, dass sich inzwischen diverse brasilianische provinzpolitiker obama nennen, obwohl es nicht einmal überall im amazonas internet gibt. Dabei hat der echte O. seinen wahlkampf mit dem mittel des bloggens gewonnen. Ballack hingegen, wie barack noch mit anachronistischem „ck“ ausgestattet, kennt sich in der technik des grätschens aus. Dafür spielt barack lieber basketball. BasketballackobAmen!