Autor: imaginarte.vision

photographie

Der erste Tübinger Radikale im neuen Walser – Roman


Keine Kommentare

von Egon Gramer

„Ewald, ich heiße Percy.“ Das ist der erste, vier Wörter knappe Satz des neuen, gut fünfhundert Seiten starken Romans „Mutter-sohn“ von Martin Walser. Und ein Ewald aus Tübingen macht den Anfang. Vorbild für den Roman-Ewald ist ein politisch aktiver junger Mann namens Harald. Der Name „Percy“ weist weit zurück auf den Ritter Parzival. Beide, Ewald und Parzival sind auf ihrem Terrain radikal. Der Heißsporn Parzival haut mit dem Schwert dazwischen, Ewald/ Harald wird als Erster im Land vom Radikalenerlass nieder gestreckt, getroffen vom Erlass des Oberschulamtes Tübingen vom 1.2.1974 unter dem Aktenzeichen U III P. Der Präsident Weiß weist den Antrag auf Einstellung in den Dienst des Landes Baden-Württemberg als Studienassessor zurück, da der Antragsteller nicht „die Gewähr dafür bietet, daß er jederzeit für die freiheitlich-demokratische Grundordnung im Sinne des Grundgesetzes eintritt.“ Harald Schwaderer ist Mitglied der DKP, im Roman heißt er Ewald Kainz. Viele seiner biographischen Daten stimmen mit denen von Harald Schwaderer überein. Vorgeworfen wird ihm: zweimal in die DDR gereist, kandidiert für den Spartakus bei den Wahlen zum Großen Senat der Universität. Walser schreibt: „Ohne Effekt, dass Eltern und Kinder des Mössinger Quenstedt-Gymnasium für den Studienreferendar Ewald Kainz ans Kultusministerium schrieben, weil er doch über das Erwartbare und Verlangbare hinaus Lehrer, ein sehr beliebter Lehrer gewesen sei. Was hat er alles mit der Musik-AG hervorgebracht.“ Das Mössinger Lehrerkollegium protestiert, fast vollzählig, mit einer Unterschriftenliste. Harald Schwaderer darf nicht in die Schule, für Kinder und junge Schüler wäre er eine Gefahr. „Der Präsident Weiß vom Oberschulamt in Tübingen hat allein das Sagen. Und der sagt: Nein. Das war´s.“ Walser wird deutlicher: „Einen schönen Gruß an den Herrn Präsidenten. Und Konsorten. O ja! Und Konsorten!“

Woher kennt Walser den Fall Schwaderer? Nach der „Urlesung“ im Bibliotheksaal des Klosters in Bad Schussenried erzählt er: „Ich bin nicht der alleinige Verfasser meiner Bücher. Ich brauche Zulieferer. Man schickt mir Briefe, Manuskripte, Dokumente. Ich kann nichts wegwerfen. Man vermutet in mir einen Anwalt für die gerechte Sache. Die Details kann ich nicht erfinden, ich übernehme sie von meinen Zulieferern.“ Die Namen für sein hundertfaches Romanpersonal erfindet Walser. Namen geben einer Person ein Gesicht, das der Leser studieren kann. Mit dem Namensschlüssel lässt sich ein Charakter aufschließen, mittels Namensdetektor Verstecktes aufspüren. Hätte man die Wahl zwischen einem Dr. Schluderhose und einem Dr. Augustin Feinlein – zu welchem ginge man in die Praxis? Heißt ein Paar Silvi Schall und Berti von Rauch – traut man beiden über den Weg? Wenn eine Klinik in Scherblingen ihren Sitz hat – was ist da zu kitten? Und was kommt bei dem Namen Kainz in Bewegung? Einer denkt an den berühmten Wiener Schauspieler und Rezitator Josef Kainz – ein Gegenbild zu dem Stotterer Ewald Kainz. Oder steckt in Kainz das Kains-Zeichen, das den damit Gezeichneten von der Gemeinschaft ausschließt? Und was für Romane gibt einem wohl ein Dichter namens Habermuß zu verkosten? Eher Biogereimtes oder Kunstkost? Und wer verbirgt sich hinter dem Code The Jollynecks, mit dem Walser eine radikal destruktive Motorradrockergruppe verschlüsselt hat? Kleiner Hinweis: Jollyneck lebt nobel in Austria.

Harald Schwaderer ist inzwischen Rentner. Seinen Lebensunterhalt hat er mit Musikunterricht in einer Privatschule und in den eigenen vier Wänden verdient.

Der Schriftsteller Egon Gramer (Gezeichnet: Franz Klett; Zwischen den Schreien) lebt und schreibt in Tübingen

atelier

rocío plúas . arkhà


Keine Kommentare
 

At first it was the city
then the attraction she imposed upon the people
they all ran to see her
beautiful, enlighted, sticky
so sticky that they couldn’t get rid of her anymore

rocío plúas.

 

geschichten, herr b.

Herr B. oder die Rettung des Gallischen Dorfes


Keine Kommentare


„uns kommt nur die Komödie bei“
Friedrich Dürrenmatt




I.

Lehrer A., als sogenannte „Auslandsdienstlehrkraft“ an einen dieser exotischen Orte in einer so genannten Bananenrepublik „entsandt“, konnte mal wieder nicht einschlafen. Der Grund war nicht etwa latentes Heimweh, sondern – im Gegensatz zu den Genüssen der unerreichbar entfernt scheinenden Heimat – in der unmittelbar unerträglichen Nähe in Person eines klassischen Latino-Machos auszumachen: Der Nachbar feierte mal wieder eine seiner Salsa-Fiestas bis zum Hahnenschrei. „Dem werde ich’s zeigen!“ sagte sich A., nach monatelangem Martyrium mit der Geduld am Ende, und holte am darauf folgenden Montag, frühmorgens um fünf, seine Trompete aus dem Schrank. Nach dem Abspielen der Deutschen Nationalhymne intonierte er in Anwendung seines europäischen Bewusstseins auch noch die Marseillaise, zwar nur in der Beatles-Version, dafür aber mit einem enthusiastischen „love-love-liebevollen“ Crescendo. Dann legte er sich, zufrieden ob des gelungenen Überraschungscoups, wieder zum frühmorgendlichen Tiefschlaf nieder, wohl wissend, dass er an diesem Tage erst zur dritten Stunde einen Lückentext zu beaufsichtigen hatte. Wie überrascht war er dann, als in aller Herrgottsfrühe das Telefon klingelte und der Nachbar ihm mit ehrlich enthusiastischer Stimme zu dem herrlichen Konzerte gratulierte und ihn einlud, dieses auf einer seiner nächsten Fiestas vor Publikum zu wiederholen …

geschichten

Land des Feuers oder die Entmythologisierung des Südens


Keine Kommentare


„Sie war in diesem Boden nicht verankert. Sie lebte grundlos an der Oberfläche. Ein Wind genügte. Sie war weniger als ein Strohhalm.“

aus: Arnold Stadler, Feuerland. Salzburg und Wien 1992, S. 148
Es heißt, die Mexikaner stammen von den Mayas ab, die Peruaner von den Inkas: Vor tausenden von Jahren über die Behringstraße in den südamerikanischen Busch gewandert. Die Argentinier entstammen den Schiffen…

„Mit dem nächst möglichen Schiff wurdest du aufs Meer hinaus geschafft. Eines Morgens (ich übergehe, dass du unterwegs in Seenot warst) erwachtest du im Hafen von Buenos Aires. Du lerntest Spanisch. Die ersten Worte konntest du schon in Russland. Nach drei Wochen hat man dir eine Gegend auf der Karte gezeigt, die du bis dahin nicht einmal dem Namen nach gekannt hattest. Dahin bist du gefahren, um dort den Rest deines Lebens zu verbringen. Einverstanden? Die Schafe beißen nicht, die Gauchos sprechen nicht; und es ist heiß und kalt, alles fast wie zu Hause.“

aus: Feuerland, S. 58

Und dies nicht nur in Patagonien. Als ich Arnold Stadlers Büchnerpreis gekröntes Werk zum ersten Mal las, dachte ich: Alles fast wie in Misiones, Eldorado. Dort gibt es eine Deutsche Schule. Die Hindenburgschule. Einer jener anachronistisch anmutenden Orte, von denen es am südlichen Ende der Welt mehr gibt, als in jeder anderen Gegend auf unserem Globus. Ihr Name irritiert. Nichts vom alten Reichsadler. Als die Schule gegründet wurde, überwies der damalige Reichskanzler Hindenburg eine kleine Spende. Grund genug, die Schule nach seinem Namen zu benennen. Ich stieß auf die Hindenburgschule, weil ich dort im Dreiländereck im Norden Argentiniens zwischen Brasilien und Paraguay Prüfungen zum deutschen Sprachdiplom der KMK abnehmen sollte. Das subtropische Eldorado, Synonym für Träume und Alpträume, Hoffnungen und Enttäuschungen, ist die Heimat vieler deutscher Einwanderer. Im benachbarten Montecarlo wird man im Bäckerladen mit „Grüß Gott“ begrüßt.

„Grüss Gott! — Vom ganzen Wilhelminischen Seeimperium blieb einzig das kleine Grüss Gott!“

aus: Feuerland, S. 37

Heute leidet diese Region an nahezu unüberwindbaren wirtschaftlichen Problemen. Die Arbeitslosigkeit liegt bei über 50%, die Jugendlichen verlassen ihre Heimat in Scharen, diejenigen, die noch ein Anrecht auf einen europäischen Pass haben, gehen in das Land ihrer Vorväter zurück.

Mit meinen Schülern von der Pestalozzi-Schule in Buenos Aires besuchte ich Eldorado. Argentinische Landeskunde mit deutschen Immigranten. Dabei sind Reportagen entstanden wie „Ich glaube es gab in Eldorado keine Frau, die nicht geweint hat“,- „starke Frauen der Kolonie“ oder „Ureinwohner am Rande der Straße“

Ich glaube es gab in Eldorado keine Frau die nicht geweint hat. Es war einfach zu schwer. Und der Himmel ist grau. Die Stunde geht weiter. Auf dem Sofa war es prima. Die Stimme ändert sich noch mal. Es ist wie eine Geschichte, die die Großmutter immer wieder erzählt. Ganz interessant. Mein Kassettenrecorder. Das rote Licht. Er funktioniert. Die Stimme ganz leise. Es regnet weiter. Es wird nie aufhören.“ (Lucia Alfonso. 11. Klasse Pestalozzi-Schule)

Die Pestalozzi-Schule wurde 1934 im Stadtteil Belgrano gegründet. Ihr Grundgedanke war es, ihren Schülern ein Ort freier, demokratischer, konfessionell ungebundener Erziehung und humanistisch orientierter Bildung zu sein, eine Pädagogik, der sich die Schule auch heute noch verpflichtet fühlt. Die Bedeutung der Schule als Asyl und neue Heimat für Flüchtlinge vor dem Nazi-Regime und ihre konsequente Haltung im antifaschistischen Widerstand machten die Pestalozzi-Schule in dieser Zeit weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Die Glückwünsche von Albert Einstein und Sigmund Freud zur Gründung der Schule sind bleibende Zeitdokumente.

Im September 1936 besuchte Stefan Zweig während eines Aufenthalts in Buenos Aires die Schule in Belgrano. Am Ende seiner berühmten Schallplatten-Rede sprach er zu den Schülern die Sätze: „Freut Euch darum, dass Ihr so jung seid, und liebt die Schule, die Euch ins Leben führt, liebt das Leben selbst und liebt Euch, einer den anderen.“ Heute ist die Pestalozzi-Schule eine der angesehensten Privatschulen in Argentinien.

Am 4. Mai 2001 besucht Arnold Stadler die Pestalozzi-Schule. Mit den Schülern der inzwischen dritten Generation spricht er über die Begriffe „Heimat“ und „Fernweh“. Und die „Portenos“, wie die Bewohner von Buenos Aires genannt werden, viele von ihnen die Enkel von Großeltern, die Deutschland nicht freiwillig verlassen hatten, lesen und hören von Auswandererschicksalen einer auch für sie gänzlich anderen Welt, der Welt des Südens, 3000 km von der Hauptstadt entfernt.

„Auswanderer! Dein Bild ist blass geworden. Dein Blut versickert nun anderswo. Dein Blut. Aber auch als Du noch mitten unter uns warst, haben wir nur aus Verlegenheit hinter Dir hergewinkt und hergeweint. Wir wussten nicht, was wir Dir zum Abschied sagen sollten. Der Chor sang Nun ade, du mein lieb Heimatland und blieb zurück. Der Auswanderer blieb fort.“

aus: Feuerland, S. 13

Nach der Lesung aus „Feuerland“ sagt Stadler: „Dies war die schlimmste Lesung in meinem Leben“. Walser wird zitiert: In Schulen und Gefängnissen sollte man keine Lesungen abhalten.

Was war passiert?

Die Nachkommen der Immigranten sind zwar Deutsch(als Fremdsprache)–Lerner, sind aber keine Deutsch-Leser. Verzweifelt las der Autor gegen achtzig zumeist passiv dasitzende argentinische Schüler an, die sich das Dargebotene freundlich anhörten, – ihre Lebenswelt erreichte der Text indes nicht mehr. Ein Problem, dem sich auch der Deutschlehrer täglich stellen muss. Die Enkel der Immigranten sind uns fremd geworden.

„- Grenze, dazu konnte ich mir meine Grenzen denken. Ich hatte ja gleich mehrere Grenzen zur Verfügung.“

aus: Feuerland, S. 12

Einige Tage zuvor: Auf dem argentinischen Deutschlehrerkongress und auf der internationalen Buchmesse von Buenos Aires erfährt das auf der baden-württembergischen Akademie Comburg erprobte Modell „Lehrer im Gespräch mit Schriftstellern“ seine Landesuraufführung. Egon Gramer weist in das Werk Stadlers ein, Bezüge zu Bruce Chatwin werden mit argentinischen Deutschlehrern und einigen DAAD-Lektoren erörtert.

„Ich erzählte ihm, dass meine Onkel Nueva Alemania gegründet hatten, nach dem Ersten Krieg in Pico Grande umgetauft. Ich erzählte von Wilson und Evans, den Banditen, damals in ganz Amerika gesucht und wenig später auf unserem Grundstück begraben. Das Grab habe ich ihm freilich nicht gezeigt. Chatwin hat einfach die Stelle photographiert, wo ich meinen Lieblingshund bestattete! Und das Bild kam als Banditengrab in sein Buch. Bueno, sagte ich.“

aus: Feuerland, S. 120

Literarische Spurensuche im Süden. Jeder spinnt sich seine eigene Pico-Grande-Welt zurecht. Chatwin kann Stadlers Vorwurf der literarischen Hochstapelei nicht mehr begegnen. Sein Werk ist trotzdem ein Klassiker der Reiseliteratur geworden.

„Niemand würde auf den Gedanken kommen, eine Atombombe auf Patagonien abzuwerfen, sagte er.“ aus: Bruce Chatwin, In Patagonien. Rowohlt TB S. 90

„Lehrer im Gespräch mit Schriftstellern“. Ein Konzept, welches dann auch für Schüler lebendig werden kann, wenn die Zusammenhänge anschließend vor Ort durch handlungsorientierte Unterrichtskonzepte vermittelt werden. Ausgerüstet mit dem Sudelbuch wollten wir mit den Pestalozzi-Schülern dieser Tage wieder nach Misiones fahren. Und Arnold Stadler anschließend einen Brief schreiben: „Danke für die schwerste Lesung Ihres Lebens.“ Die literarische Reise fiel der argentinischen Wirtschaftskrise zum Opfer. Auch eine Art Entmythologisierung.

„Y esas ganas tremendas de llorar

que a veces nos inundan sin razón,

y el trago de licor que obliga a recordar

si el alma está en orsai,

che, bandoneon.“

Tangotext *) von Homero Manzi

*) und diese riesige Lust zu weinen, die uns manchmal grundlos das Herz ertränkt,

und der Schnaps der zur Erinnerung zwingt, ob die Seele im Abseits steht.

_______________________

veröffentlichte Version: „Über literarische – und Lebenswelten im Land, wo der Süden endet“, in: Jahrbuch des Auslandsschulwesens 2001, Zentralstelle für das Auslandsschulwesen (Hrsg.), Köln. Universum Verlagsanstalt GmbH KG, Taunusstrasse 54, D-65183 Wiesbaden

Goethe-Institut New York, media, todo alemán

Neue Wege im Marketing für Deutsch


Keine Kommentare

 

Goethe-Institut New York, August 2009

Interview mit Michael Höfig, Projektleiter von Todo Alemán, dem neuen Webportal des Goethe-Instituts New York

Michael Höfig ist der Projektleiter und das Mastermind von Todo Alemán, der neuen interaktiven, interkulturellen und trilingualen Online- Jugendplattform des Goethe-Instituts. Er gehört zum Goethe-Team in New York, betreut aber als Fachberater für Bildungskooperation mit Sitz in Atlanta / Georgia Deutschlehrer in zwölf amerikanischen Südstaaten.

Michael Höfig ist Lehrer, Projektkünstler, Kulturmanager und interkultureller Mittler, Journalist, Theatermann und Fußballtrainer mit Lizenz und Leidenschaft. Seine Arbeit führte ihn durch drei Kontinente, Europa, Asien,Amerika. Vor allem Lateinamerika ist ihm zur Heimat geworden, und auch deshalb ist ihm Todo Alemán eine Herzensangelegenheit.

Wie ist die Idee von Todo Alemán entstanden?

Das Goethe-Institut bietet bislang kein eigenes Jugendportal in den Regionen USA, Kanada, Mexiko an. Außerdem wollen wir uns künftig stärker den Einwanderern lateinamerikanischer Herkunft in den USA widmen. Also haben wir uns überlegt: Wir machen ein Portal in den Sprachen Deutsch, Spanisch und Englisch, das sowohl Highschool- als auch College-Studenten anspricht.

Was ist das Ziel von Todo Alemán?

Wir wollen die Zahl der jugendlichen Deutschlerner in den USA durch ein attraktives Angebot mindestens halten und möglichst steigern. Und zwar im Kontext des Projekts „Sprachen ohne Grenzen“ …

Das heißt?

… dass Deutsch in den USA in Zukunft nicht mehr als Zweitsprache in Konkurrenz beispielsweise zu Spanisch beworben wird, sondern im Kontext der Mehrsprachigkeit. Wir sagen also nicht mehr: Deutsch sei die ideale Zweitsprache, sondern: In dieser globalen Welt ist es gut, viele Sprachen zu lernen, und die wichtigste europäische Sprache ist nun einmal Deutsch. Schließlich ist Deutschland die größte Wirtschaftmacht in Europa und die wichtigste Exportnation der Welt.

Was bietet Todo Alemán, was andere Sprach- und Kulturprojekte nicht bieten?

Das wirklich Neue ist die Idee, kreative Elemente, die zum Mitmachen und Kennenlernen der deutschen Kultur und Sprache anregen, mit einer sozialen Plattform zu verbinden. Bei Todo Alemán heißt das „My Club“, eine Online-Community, in der Schüler miteinander kommunizieren. Es gibt eine Verzahnung zwischen den eigenen Seiten der Schüler und dem redaktionellen Teil von Todo Alemán. Der Unterschied zu den kommerziellen sozialen Netzwerken ist, dass wir als Goethe-Institut inhaltliche Impulse in Form kreativer Projektideen geben.

Markiert Todo Alemán also einen Paradigmenwechsel für den Deutschunterricht in den USA?

Die Chance dazu besteht sicherlich. Als Fachberater für das Goethe-Institut bin ich ja auch in der Lehrerfortbildung tätig. Und da setzen wir ganz konsequent auf handlungsorientierte Konzepte. Wir zeigen den Lehrern, wie sie den Deutschunterricht so ansprechend, modern und interaktiv gestalten, dass auch die nächste Schülergeneration Deutsch als Fremdsprache wählt, eben weil bekannt ist: In den Deutschklassen ist was los. Das ist ein bisschen auch unser Kalkül.

Dabei soll Todo Alemán mehr als nur unverbindlicher Anstoß und Fun-Faktor sein, sondern wirklich auch eine neue Lernphilosophie aufzeigen, einen interaktiven, flexiblen, umfassenden Ansatz. Schließlich haben wir es mit der Web-2.0-Generation zu tun; und da ist es wichtig, dass wir die Jugendlichen in dem Medium ansprechen, in dem sie sich wohlfühlen und sicher bewegen. Todo Alemán ist also mehr als nur ein Goethe-Projekt im Facebook-Gewand; das Besondere ist die Verzahnung zwischen Projektimpulsen und vernetzter Kommunikation.

Fußball spielt eine wichtige Rolle bei Todo Alemán. Warum?

Ganz einfach: Fußball ist die Weltsprache Nummer eins. Fußball hat sich immer mehr zu einem Medium entwickelt, das die Welt verbindet. Wenn wir das Thema Fußball zu einem zentralen Element auf Todo Alemán machen, dann hat das hoffentlich einen ähnlichen verbindenden Effekt in der digitalen wie in der wirklichen Welt. Dabei geht es um mehr als nur den Sport; wir erzählen Geschichten rund um den Fußball, Geschichten von Menschen und Kulturen.

Verspricht sich Todo Alemán Rückenwind durch die Fußball-WM 2010 in Südafrika?

Ja, sicher. Wir haben ja gleich zwei Großereignisse in naher Zukunft: die Fußballweltmeisterschaft in Südafrika im nächsten Jahr und die Frauenfußball-WM in Deutschland 2011. Wir sind mit dem Thema Fußball also ganz gut aufgestellt.

Todo Alemán ist ja auch ein Integrationsmedium, soll sowohl Schüler lateinamerikanischer als auch anglo-amerikanischer Herkunft ansprechen. Steht „Soccer“, der Fußball europäischen Stils, bei anglo-amerikanischen Jugendlichen nicht arg im Schatten von American Football?

Nicht unbedingt. Vor kurzem stand die amerikanische Fußball-Nationalmannschaft im Endspiel des Confederations Cup, das war der erste große internationale Erfolg des amerikanischen Fußballs. Außerdem ist Frauen-Fußball extrem populär, die amerikanischen Fußballfrauen sind Weltmeister und Olympiasieger. Das Soccer-Vergnügen nimmt in den USA stetig zu, vor allem bei Jugendlichen, also genau bei unserer Zielgruppe – nicht zuletzt, weil die lateinamerikanischen Migranten die Begeisterung für den Sport in die Vereinigten Staaten mitgebracht haben. Im übrigen ist Todo Alemán ja aber keine reine Fußballseite; es gibt auch viele andere Elemente der Jugendkultur: Theater, Musik, Schüleraustausch…

Und wie geht es weiter mit Todo Alemán?

Es hat mich überrascht, dass sich Menschen aus Argentinien, Kolumbien, Indien, aus allen Teilen der Welt bei Todo Alemán schon eingeloggt haben zu einem Zeitpunkt, da die Seite noch gar nicht offiziell am Start war. Und deshalb bin ich zuversichtlich, dass Todo Alemán sich sehr schnell von einem nordamerikanischen Regionalprojekt zu einer globalen Plattform entwickeln kann.

Goethe-Institut, 2009